Übers Gendern und die Sprachverbote
Sprache entwickelt sich organisch und dezentral. Darf man es dulden, wenn zentrale Stellen willkürlich in die Sprache hineinregieren? Soll das Bitcoinblog.de gendern, weil es immer häufiger verboten wird? Und wenn ja – wie? Wir brauchen euren Rat.
Wer hier schon länger mitliest, weiß, dass ich nicht gendere. Mich stört es, wenn in der Mitte eines Wortes ein Sternchen, Unterstrich, Doppelpunkt oder Großbuchstabe steht, und ich halte auch nicht viel davon, eure Aufmerksamkeit damit zu vergeuden, euch die Wörter in männlich und weiblich aufzutischen.
Bisher hat mich glücklicherweise noch keine Seele zum Gendern gezwungen. Weder mein Sponsor Bitcoin.de noch meine Leserinnen haben mich dazu aufgefordert, mich geschlechtsneutral auszudrücken. Ich verstehe und achte die Gründe, warum jemand gendert, lasse es persönlich aber lieber bleiben. Jeder wie es ihr oder ihm beliebt, und wir könnten alle glücklich zusammen leben.
Leider hat es sich aber ergeben, dass eine reaktionäre Strömung, die derzeit durchs Land stürmt, rabiat von einem Zwang zum Gendern halluziniert. Und natürlich will sie uns alle vor diesem Zwang, den es nicht gibt, schützen, indem sie … uns zwingt, nicht mehr zu gendern! Natürlich. Sachsen-Anhalt und Sachen verbieten das Gendern bereits, Hessen ist im Begriff dazu, und Bayern will unbedingt auch zugreifen.
Sprache entwickelt sich organisch. Leute können sich entscheiden, Anglizismen oder geschlechtsneutrale Formulierungen zu nutzen. Oder sie können es lassen. Das bedeutet nicht, dass es keinen Zwang gibt. Den gibt es, solange nicht alle komplett gleich sind, und das gehört zu jeder organischen Entwicklung dazu. Da zwingt eine Chefredakteurin den Volontär, per Binnen-I zu gendern, dort verpflichtet ein Amtsleiter seine Sekretärinnen dazu, Wörter mit Gender-Stern zu verunstalten, und hier gibt ein Lehrer Punktabzug, weil die Schülerinnen “nice” anstatt “nett” schreiben, wie sie es bei ihren Influencer gelernt haben. Und so weiter. Organisch heißt nicht egalitär, sondern dezentral. Sprache ist ein Markt der Ideen. Das Verhältnis der Geschlechter hat sich, gottseidank, geändert, und das sticht auch auf die Wörter durch – es muss durchstechen, wenn wir eine freie Gesellschaft sind.
Die Obrigkeit sollte sich dabei am besten komplett raushalten. Und wenn schon sein muss, dass zentralisiert in der Sprache herumgefingert wird, dann bitte mit maximaler Demut. Wie wenn das Konsens-Protokoll von Bitcoin geändert wird. Zum Mal hat die Obrigkeit mit der Rechtschreibreform ab 1996 in die deutsche Sprache hineinregiert. Daran haben GermanistInnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz viele Jahre mitgearbeitet, und bis es final wurde, bis also die Organe der öffentlichen Hand gezwungen wurden, nach Rechtschreibreform zu texten, haben endlos viele Verlage, Hochschulen, Schriftsteller und auch Gerichte mitgeredet.
Heute läuft das anders. Denn der reaktionäre Geist hat keine Zeit, jahrelang um einen Konsens zu ringen. Das Gegendere hat schon viel zu lange an den Schulen, Theatern und Amtsstuben gewütet und dem ganzen Land seine Sprachverhunzung aufgezwungen, und bevor unsere Fußballer nochmal komplett abloosen verlieren, muss jemand eingreifen !!!
Also wurden in den letzten Jahren handstreichartig Sprachverbote erlassen. Die Rechtschreibreformer haben ein Jahrzehnt darüber diskutiert, wie man orthographische Erbsen am besten zählt – Sachsen-Anhalt verbietet über Nacht in Schulen, mit Binnenzeichen oder -großbuchstaben zu gendern, Sachsen auch weiteren Kultureinrichtungen wie Theatern, und Hessen möchte sogar Hochschulen in die Sprache hineinregieren, womit endgültig der Bock den Gärtner reitet.
Es ist immer dasselbe: Diejenigen, die am lautesten einen “Zwang” beklagen, den es gar nicht gibt, sind diejenigen, die andere zu etwas zwingen wollen. Erst regiert der reaktionäre Geist den deutschen Lehrerinnen, die gendern wollen, in die Sprache hinein, dann verbietet er den Italienern Anglizismen, und irgendwann zwingen uns die reaktionären Drecksäcke dazu, einen Krieg eine militärische Spezialoperation zu nennen. Oder so.
Wenn die Politik in der Sprache herumpfuscht, kommt selten etwas gutes dabei raus. Schon gar nicht, wenn sie es aus billigstem Populismus heraus macht. Das Bitcoinblog.de solidarisiert sich daher voll und ganz mit allen, die gendern!
Ich habe zwar erhebliche sprachästhetische Skrupel, würde aber gerne auch ein wenig gendern, um ein Zeichen zu setzen. Da ihr als Leser und Leserinnen die Betroffenen seid, solltet ihr auch ein Wörtchen mitreden können. Daher bitte ich euch, an der folgenden Umfrage teilzunehmen. Danke!
Falls die Umfrage bei euch nicht angezeigt wird, besucht sie bitte direkt bei CrowdSignal.
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