Chinesischer Miner kündigt an, Ethereum mit Proof of Work fortzuführen
Der „Merge“ von Ethereum nähert sich. Einige Miner künden nun an, das alte Ethereum mit Proof of Work als „ETHPoW“ zu erhalten. Das geht nur durch einen Chainsplit: Jeder Coin verdoppelt sich auf einer parallelen Blockchain. Für Ethereum entsteht daraus keine ernstzunehmende Bedrohung – aber Trader werden ihre helle Freude haben.
Mittlerweile scheint es beschlossen zu sein, dass Ethereum den „Merge“ im September vollzieht. Damit wird Ethereum von Proof-of-Work (PoW) zu Proof-of-Stake (PoS) umsteigen: Es werden keine Miner mehr notwendig sein, um die Blocckhain zu sichern.
Ebenfalls scheint aber fest zu stehen, dass dieses Großereignis etwas ruckelig ablaufen wird.
„ETH will be fork, ETHPOS vs ETHPOW“, schrieb Chandler Guo in einer Chatgruppe: Ethereum wird geforkt, Proof of Stake wird gegen Proof of Work konkurrieren.
ethpow will coming soon pic.twitter.com/v9eAbWO2BZ
— Chandler Guo (@ChandlerGuo) July 27, 2022
Mit diesem kurzen Kommentar bestätigt einer der wichtigeren chinesischen Krypto-Miner das, was eigentlich jeder erwartet hat: Die Miner nehmen nicht einfach so hin, dass die Ethereum-Entwickler sie mit dem Merge „entlassen“ werden. Denn der Merge macht Ethereum zur „Proof of Stake“-Blockchain: zu ETH 2.0
Die Miner werden einfach so tun, als gäbe es keinen Merge und keine Roadmap von Ethereum. Dann wird es ETH2 geben – die offizielle Version – und ETHPoW, die von den Minern fortgeschriebene alternative Ethereum-Blockchain.
BitMEX Research, ein Informationsportal der Börse BitMEX, widmet diesem Chainsplit einen Bericht.
Kein Konkurrent für ETH2, aber möglicherweise dennoch relevant
Grundsätzlich herrscht in der Ethereum-Szene ein weitreichender Konsens, dass man von PoW auf PoS wechselt. Dies war schließlich schon von Anfang an Teil der Roadmap.
Allerdings hat BitMEX Research Verständnis dafür, dass die Miner nicht einfach so zuschauen, wie ihre Einnahmen durch Ethereum auf Null sinken. Laut dem Digiconomisten verbrennt Ethereum derzeit im Jahr mehr als 80 Terawattstunden an Strom; da da Ethereum-Mining trotz verfügbarer Asics grafikkartenlastig bleibt, dürften die Preise für Grafikkarten mit dem Ereignis deutlich einbrechen, und womöglich werden auch GPU-Hersteller wie Nvidia erhebliche Umsatzeinbußen einfahren. Es gibt also Interessensgruppen, die ein ökonomisches Interesse daran haben, dass man Ethereum weiterhin minen kann.
Die Analysten von BitMEX halten es dager für sehr wahrscheinlich, dass die von Chandler Guo angekündigte ETHPoW-Chain fortexistieren wird. Sie sind aber skeptisch, ob sie „irgendeine ökonomische Signifikanz“ erreichen wird. Das breite und agile Ökosystem um Ethereum sowie sämtliche relevanten Entwickler schlagen sich einstimmig auf die Seite von ETH2. Proof of Stake war von Anfang an in der Roadmap.
Dennoch könnte die PoW-Blockchain auch langfristig relavant bleiben. So könnte PoS bestimmte Schwächen haben, die PoW nicht hat, etwa dass sich ein Monopol der Staker bildet. Dies würde ETHPoW auf natürliche Weise anziehend machen. Der Merge ist ein großes Experiment, und im mindesten ist ETHPoW eine Absicherung, dass dieses schiefläuft oder unerwartete Konsequenzen nach sich zieht.
Da so gut wie alle anderen Smart-Contract-Plattformen – Cardano, Solana, Fantom, Polkadot, Binance Smart Chain – eine Art von Proof of Stake verwenden, würde sich ETHPoW als einzige relevante PoW-Plattform positionieren.
Haarige Probleme mit Token
Allerdings notiert BitMEX Research auch Probleme. Etwa die „Eiszeit.“ Die Ethereum-Entwickler programmieren mit jedem Upgrade eine „Difficulty Bomb“ ein, welches die Schwierigkeit des Minings ab einem bestimmten Zeitpunkt exponentiell ansteigen lässt. Dies ist zunächst kaum bemerkbar, friert aber nach einigen Monaten die Blockchain komplett ein. Ohne Änderungen am Code, so BitMEX, bliebe ETHPoW nicht mehr als 100 Tage.
Um diese Phase zu überstehen, müsste ETHPoW ebenfalls eine Hardfork ausführen. Dafür braucht die Blockchain einen eigenen Client und damit auch eigene Entwickler, die dazu in der Lage sind, nicht nur den Code zu schreiben, sondern auch ein Qualitätsniveau zu halten, welches Börsen überzeugt, den Coin zum Handel anzubieten.
Ein interessantes Problem sind die Ether, die in einem Smart Contract eingefroren wurden, um schon heute ETH2 zu staken. Diese werden nach dem Merge (irgendwann) wieder in Umlauf gesetzt. Doch was passiert mit ihnen auf ETHPoW? Mit einer Hardfork könnte man sie theoretisch zurückbuchen. Aber ob das erwünscht ist, dürfte für Diskussionsstoff sorgen.
Sehr viel problematischer sind Stablecoins und auch andere Token. Stablecoins wie USDC (Circle) oder USDT (Tether) kursieren ganz oder zu großen Teilen als Token auf der Ethereum-Blockchain, während sie von den Herausgebern durch echte Dollar auf einem Bankkonto ganz gedeckt werden (zumindest heißt es so). Da sich die Dollar mit der Fork nicht verdoppeln, müssen sich die Herausgeber entscheiden, auf welcher Blockchain die Token gültig sind. Dies wird mit großer Wahrschenlichkeit die ETH2-Blockchain sein.
Dies sind etwa gut 32 Milliarden Tether-Dollar, 45 Milliarden USDC und 18 Milliarden Binance Dollar. Also beinah 100 Milliarden Dollar, die mit einem Schlag aus dem Ökosystem von ETHPoW entzogen werden. Dies dürfte sämtliche DeFi-Anwendungen und Smart Contracts, die mit Stablecoins arbeiten, zum vollkommenen Kollaps bringen.
Spaß und Profit für Trader
Solange es keinen katastrophalen Bug bei ETH2 gibt, zweifelt BitMEX-Research nicht daran, dass sich ETH2 durchsetzen wird. Es wird überhaupt keine Frage sein, welche Seite der Fork die stärkere und die „echte“ ist. Das intensiv verflochtene Ökosystem der Smart Contracts wird sich sehr wahrscheinlich vollständig auf diese Seite schlagen.
Dennoch geht BitMEX davon aus, dass sich „positive Narrative“ um ETHPoW bilden können und große Börsen den Coin frühzeitig listen. Es ist denkbar, dass die Fork eine Begeisterung unter Usern und Tradern auslöst. Daher wird es zu „aufregenden Gelegenheiten für Trader und Spekulanten“ kommen.
User, die Ether halten, dürfen sich darauf freuen, dass sie bei der Fork für lau einen weiteren Coin erhalten. Ob man ihn dann sofort mit kleinen Gewinnen verkauft oder darauf spekuliert, dass er mit der Zeit an Wert gewinnt, wird jeder für sich selbst entscheiden müssen. Klar ist aber: Es wird aufregend werden!
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