Frei schwebender Reichtum

Bitcoin hat viele Menschen reich gemacht. Anders als die traditionellen Reichen entziehen sich die Bitcoin-Reichen aber den üblichen Rollen und Netzwerken. Das macht sie zu einer neuen, freieren Klasse von Reichen.

Wenn man einige Jahre ein Blog über Bitcoin schreibt, wird es unvermeidbar, direkt oder indirekt in Kontakt mit Leuten zu stehen, die relativ reich sind.

DEN Bitcoin-Reichen gibt es jedoch nicht: Der eine lebt weiter im Keller seines Elternhauses, der andere kauft sich in ganz Europa Immobilien, und der nächste wandert nach Südamerika aus; die einen hören auf zu arbeiten und kümmern sich um Kinder und Haushalt, die anderen gründen Unternehmen, schreiben Open-Source-Code und investieren in Bitcoin-Startups; einer kauft sich ein 300PS starkes Auto, während ein anderer seinen größten Luxus darin findet, Freunde und Verwandte zu beschenken.

Mit Reichtum zu protzen scheint den meisten Bitcoinern fern zu liegen. Sie tragen keine Maßanzüge, bewohnen keine Villen, schlafen nicht in Luxus-Hotels, speisen nicht in Edel-Restaurants, fahren keine Nobelautos, verschenken keine Diamanten. Stattdessen erfüllen sie sich bodenständige Träume und sind damit bemerkenswert zufrieden.

Vielleicht trifft auf die Bitcoin-Reichen der Satz zu, dass Geld einen nicht verändert, sondern einem nur erlaubt, zu sein, wer man wirklich ist. Und vielleicht unterscheidet dies Bitcoiner am deutlichsten von traditionellen Reichen.

Wer in Deutschland ein Vermögen besitzt, hat es entweder geerbt oder als Unternehmer oder Manager verdient. Wer erbt, wird in ein Umfeld des Reichtums geboren. Er oder sie wird entsprechend erzogen und per Geburt in die Netzwerke der Reichen integriert. Er wächst in den Habitus des Reichseins hinein.

Unternehmer erwirtschaften ihren Reichtum dagegen durch Arbeit und oft Entbehrungen. Auf dem Weg entwickeln sie eine „Geschäftsführer-Persönlichkeit“: Sie gewöhnen sich an, „Chef“ zu sein und sich beflissen im Umfeld der Geschäftspartner zu bewegen. Sie wachsen in die Netzwerke der Reichen hinein und kennen ihre Anwälte, Notare, Banker und Steuerberater, ihre Bauunternehmer, Architekten, Landschaftsgärtner und Maßschneider, Lokalpolitiker, Sterne-Köche, andere Reiche und so weiter.

Auf traditionellem Wege reich zu werden ist ein Prozess, der die Persönlichkeit transformiert und in soziale Netzwerke einbettet. Reichtum wird ein Lebensstil, der mit Rollen und Zwängen, Kontrolle und Disziplinierung einhergeht. Der goldene Käfig ist mehr als nur eine Floskel.

Mit Bitcoin reich zu werden ist dagegen ein Ereignis. Da ist der Gamer, der 2011 aus Spaß mit seiner Grafikkarte ein paar Wochen Bitcoins schürfte; der Kiffer, der 2012 Gras auf der Silk Road bestellte und sich in das Darknet-Zahlungsmittel verliebte; der Zocker, der 2013 mit Altcoins handelte; der Techie, der 2015 in die Ethereum-ICO investierte. Und so weiter. Nicht ein langer, mühsamer Weg, sondern einzelne Entscheidungen sind die Quelle des Reichtums.

Man sollte Bitcoiner aber nicht mit Lotto-Millionären vergleichen. Denn Glück allein reichte nicht. Sie brauchten auch Neugier und Offenheit, eine technische oder ökonomische Vorbildung, den Mut, ein ungewöhnliches Investment zu wagen, und den Glauben, zu halten, anstatt 200 Prozent Profit abzuschöpfen.

Anders als bei Unternehmern und Erben durchlaufen Bitcoin-Reiche aber keine Transformation von Ego und Umfeld. Sie sind nicht „Chef“, sie übernehmen keinen Habitus der Reichen und integrieren sich nicht in die üblichen sozialen Netzwerke. Viele kennen keinen Anwalt, haben noch nie ein Haus gebaut, tragen Jeans und Kapuzenpulli und fahren einen alten, rostige Fiat. Ihr würdet sie nicht erkennen, wenn sie eure Nachbarn wären.

Diese Bitcoiner sind eine neue Klasse von Reichen, die vor allem psychologisch und soziologisch spannend ist: Sie hatten oft gar nicht vor, reich zu werden, sondern wurden es versehentlich, weil sie ihrem Sinn für Idealismus folgten. Sie frei von den üblichen Bedürfnissen und Zwängen des Reichtums, frei von der üblichen Kontrolle und Einbettung.

Diese Freiheit könnte der Grund sein, warum Bitcoiner vielleicht besser als andere Reiche in der Lage sind, den größten Gewinn aus Geld zu ziehen – nämlich wirklich sie selbst zu sein.

Quelle: bitcoin.de